Lux aeterna@Tagblatt 26.3.2016

Kraft gegeben und Trost gespendet

Mit einem wahrhaft «lichten» Konzert wartete der Kammerchor Wil am Gründonnerstagabend in der Kreuzkirche auf. Das Thema «lux aeterna» interpretierte der Chor beseelt und mit splendider Souplesse.
CHRISTOF LAMPART
 lux aeterna klein

WIL. Mit «lux aeterna» (lateinisch, «ewiges Licht»; lux aeterna ist die Communio in der liturgischen Totenmesse) wählte der ebenso ambitionierte wie «klassische» Laienchor unter der Leitung seiner Dirigentin Felicitas Gadient ein Konzertthema aus, das wunderbar zu Ostern passte.

Auf ins ewige Licht!

Denn ein Christ geht mit seinem irdischen Ende nicht in die Finsternis ein, sondern vollzieht den Übergang in eine andere Dimension: ins Paradies, ins ewige Licht. Diesen grundlegenden Gedanken stellte der Kammerchor Wil auch diesem Abend voran. Und so liess das Vokalensemble in seinem Gesang die zahlreichen Konzertbesucher ganz bewusst an der Gestaltung dessen teilhaben, was es allen Menschen an diesem Abend mit seinem Gesang spenden wollte: Kraft, Zuversicht und Trost, auf dass der Mensch dem eigenen Ende zwar nicht freudig, aber zumindest hoffnungsvoll entgegenblicken möge. Der Chor wurde über weite Strecken durch den bekannten Organisten Christoph Wartenweiler begleitet, doch hatten sowohl der Chor seine a-cappella- als auch Wartenweiler seine Solo-Auftritte. So spielte Wartenweiler von Heinrich Scheidemann «O lux beata trinitas» und von Maurice Duruflé den «Choral varié sur le thème du Veni creator».

Stille Meditation

Das Programm umfasste quasi einen ganzen «Lichterreigen», der mit Thomas Tallis «O nata lux» («Aus Licht geboren») seinen Anfang nahm und sich über die Hoffnung auf das ewige Licht in Gabriel Faurés «Cantique de Jean Racine» bis hin zur finalen Gewissheit in Morten Lauridsens «Lux aeterna» spannte. Letzteres war nicht nur das namengebende Hauptwerk dieses Abends, sondern auch «formell» der Höhepunkt. Denn in dieser requiemartigen Komposition – einer stillen Meditation über das Licht – war der Aspekt der Tröstung besonders konkret erfahrbar. Der Kammerchor Wil vermochte die dem Werk innewohnende Spiritualität mit Klangschönheit und einer interpretatorischen Authentizität zu erfüllen, welche die Zuhörerschaft innerlich berührte, bereicherte und – eben – tröstete.

2015Der Kammerchor Wil führte unter der Leitung von Felicitas Gadient Felix Mendelssohns «Lobgesang» in der Kreuzkirche auf. Begleitet wurden die Sängerinnen und Sänger von der Südwestdeutschen Philharmonie.

Kritiker hatten Mendelssohns «Lobgesang» formale Glätte vorgeworfen. Doch warum Musiktheoretiker zufriedenstellen, wenn ein Werk die Herzen anzusprechen vermag? Als Auftragswerk zur Feier des Buchdruckjubiläums hatte der Komponist eine sinfonische Kantate geschaffen, in welcher er den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit in dramatischen, emotionalen Bildern darstellte. Diese einzigartige Komposition bewegt seit ihrer Erschaffung die Menschen und zog am Samstag ein überaus grosses Publikum in die Kreuzkirche in Wil, das sich am Ende berührt zeigte.

Die machtvolle Sequenz des Kantatenmotivs «Alles, was Odem hat» am Beginn des sinfonischen Teils lässt bereits den Triumph erahnen. Felicitas Gadient, Dirigentin des Kammerchors Wil, verstand es ausgezeichnet, dieses Motiv sowie weitere markante Stellen sehr akzentuiert zu interpretieren. Die Südwestdeutsche Philharmonie zeigte sich mehr als willig, dieser Führung zu folgen, so dass ein ungemein plastisches und zugleich transparentes Klanggemälde entstand. Fernab aller biblischen Historiendramatik setzte Felicitas Gadient den zweiten Satz in eine an Balletteinlagen erinnernde Leichtigkeit, die dem erstaunlichen Wandel im Charakter des sinfonischen Teils entgegenkam. Sehr gesetzt, würdevoll, dem «Adagio religioso» entsprechend, dann der dritte Satz.

Dem Kammerchor ist es hoch anzurechnen, dass er nach der fast 30minütigen Wartezeit bis zu seinem Einsatz nichts an Konzentration verloren hatte, wenn auch das erste Intonieren des «Alles, was Odem hat» ein wenig hinter dem Orchester verschwand. In der Folge jedoch entwickelte sich ein homogenes Miteinander zwischen Chor und Orchester. Wunderbar gelang es den Frauenstimmen, ihren Part als Gefährtinnen der Solistin im «Lobe den Herrn» wahrzunehmen: Mit der schlichten Interpretation rutschte der Teil nicht in frömmlerischen Kitsch ab.

Ein weiterer grosser Moment des Chores war der A-cappella-Teil des «Nun danket alle Gott». Felicitas Gadient gestaltete diesen Choral statisch, erreichte damit eine wunderbare Transparenz, verlor dabei aber nicht die grossen Spannungsbögen aus dem Blick. Als Solisten erfreuten die beiden Sopranistinnen Ana Maria Labin und Katrin Lüthi. Für den erkrankten Jürg Dürmüller war Simon Witzig eingesprungen: Fast schon theatralisch im besten Sinn des Wortes gestaltete er das bange Fragen: «Hüter, ist die Nacht bald hin?», das von der Sopranstimme mit einem glasklaren «Die Nacht ist vergangen» beantwortet wurde.

Carola Nadler, Tagblatt online 4.5.15

Konzert 19./25./26.10.14

pater-noster-2014Mit dem Titel «Pater noster» gelang dem Kammerchor Wil am Sonntagabend ein bemerkenswertes Konzert. Auf dem Programm standen Vaterunser-Vertonungen aus mehreren Jahrhunderten.

Das prächtige Herbstwetter schaffte es an Sonntagfrühabend nicht, die Wiler vom Konzertbesuch abzuhalten: Die Stadtkirche St. Nikolaus war bis auf den letzten Platz gefüllt. Diejenigen, die später kamen, mussten sich mit Stehplätzen zufrieden geben.

Das Konzertprogramm des Kammerchors Wil reihte nicht nur die verschiedenen Vaterunser-Vertonungen aneinander, sondern stellte diese vielmehr in einen ganzheitlichen Kontext. Wolfgang Sieber an der Orgel leitete jeweils mit diskreten Improvisationen zu den Texten über, die Schauspieler Walter Küng vereinzelt zwischen den Kompositionen vortrug.

 

Gute Programmgestaltung

Mit dem Programm hatte sich der Kammerchor einer sehr hohen Anforderung gestellt, denn es ist extrem schwierig, zwischen den unterschiedlichen Gesangsstilen verschiedener Jahrhunderte zu «switchen» und dabei dem jeweiligen Interpretationsstil gerecht zu werden. Doch Dirigentin Felicitas Gadient wusste um die Fähigkeiten ihres Chores und führte diesen zu Höchstleistungen. Dies war auch der geschickten Zusammenstellung zu verdanken: Das Programm war nicht chronologisch, sondern dem Charakter nach in Gruppen, ähnlich Bildinstallationen, zusammengestellt.

Hohe Präsenz und Stilsicherheit

So standen am Beginn des Konzertes mit einem gregorianischen Choral, einer Notre-Père-Komposition von Maurice Duruflé (französischer Impressionismus) und einem Cantate Domino des zeitgenössischen Arvo Pärt drei Werke auf dem Programm, die mit ihrer ätherischen Transparenz durch den Kirchenraum zu schweben schienen. Der Kammerchor zeigte hier höchste Präsenz und Stilsicherheit. Zu Beginn des Konzerts verlas Walter Küng eine leicht modernisierte Version des Vaterunser-Gebetes. Dabei versank er aber nicht in frömmelnde Demut, sondern stand als selbstbewusster Gläubiger seinem Vater gegenüber und forderte sein Geburtsrecht ein: nach Schutz und Versorgung. Aus der russisch-orthodoxen Kirche erklang ein Vaterunser von Nikolai Kedrov, das von der typischen Schwere dieser Sakralmusik geprägt war. Besonders hervor stach später die Komposition «Pater noster» für Sprecher, Chor und Orgel von Wolfgang Sieber, eine Zwiesprache des Gläubigen mit seinem Vater. Nach weiteren Werken stand am Ende Giuseppe Verdis «Pater noster», eine für diesen Komponisten eher unerwartete, introvertierte Umsetzung des Textes.

Carola Nadler Tagblatt online 28.10.2014

2013

Der Kammerchor Wil konzertierte am Samstagabend mit einem kontrastreichen Programm mit Werken von Francis Poulenc und Wolfgang Amadeus Mozart in der Kirche St. Peter. Trotz unterschiedlicher Epochen war das Klangbild homogen.

Wolfgang Amadeus Mozart einem Francis Poulenc gegenüberzustellen, erfordert Mut – und von den Ausführenden Höchstleistungen in Flexibilität und Konzentration. Dem Kammerchor Wil unter seiner Dirigentin Felicitas Gadient gelang dies an einem ergreifenden Konzert, das trotz seiner dichten Klangfülle meditative Momente voller Ruhe bot.

Ehrfürchtiges Staunen

Francis Poulencs «Gloria» glich mit seinen relativ kurzen Teilen einer Ausstellung, in der man von einer Darstellung zur nächsten geführt wird und in jedem Bild der Faszination in der Darstellung erliegt. Überaus präsent und mächtig sang der Kammerchor diese Klangbilder, trotz aller Fülle strahlte das Werk jedoch tiefe Ehrfurcht und Gläubigkeit aus. Dies auch besonders in der wunderschön zurückhaltend interpretierten Passage «Tu solus Dominus», – «Du allein bist der Herr», das einem ehrfürchtigen Staunen gleichkam. Solistin Ana Maria Labin stand dem Chor zur Seite. Ihr strahlender, klarer Sopran führte quasi den Chor der Gläubigen an, schlicht, aber ausdrucksstark, und wuchs mit dem Chor zu einem homogenen Klangbild zusammen.

Gesamteindruck

Für einmal stand nicht das Werk der Klassik am Beginn eines Konzertes: Mozarts «Vesperae solennes de Confessore» wurde im Anschluss an Poulencs «Gloria» aus dem Jahr 1961 aufgeführt. Die Tonsprache folgte nicht der Klangkultur historischer Aufführungspraxis, sondern griff die kraftvolle Fülle Poulencs auf, die Mozart sehr gut zu Gesicht stand und niemals ins Schwerfällige abglitt. Die entstandene Wirkung verband die beiden Epochen zu einem abgerundeten Gesamteindruck.

Solistenquartett

Liliane Glanzmeier (Alt), Nino Aurelio Gmünder (Tenor) und Peter Brechbühler (Bass) boten in ihren Passagen eine schöne Ergänzung zum grossen Chorklang. Lediglich Ana Maria Labin stach hervor: Das berühmte «Laudate Dominum» berührte in der innigen, aber niemals ins Sentimentale abgleitende Interpretation der Sopranistin.

Instrumental wurden die beiden Werke von der Südwestdeutschen Philharmonie aus Konstanz begleitet, die mit grosser Bläserbesetzung im Poulenc-Gloria für eine facettenreiche Klangfarbigkeit sorgte.

 

carola nadler@tagblatt online 9.9.13